Volunteer Deutsch

Familie Mathys/Hürzeler

Oktober 2021
Unsere Zeit an der Harrison’s Primary School

Nach einigen intensiven Tagen des Sortierens und Packens machten sich 600 Kilogramm an gesammelten Kleidern, Schuhen und Spielsachen auf den Weg nach Nairobi. Was unsere eigene Reise anging, zitterten wir wegen Corona und den damit verbundenen Massnahmen und Einschränkungen bis zum Schluss, ob alles funktionieren würde. Es kostete uns noch einiges an Zeit und Geld, um allen administrativen Forderungen und Formalitäten nachzukommen…
Aber dann war es soweit: am 1. Oktober starteten wir mit acht Koffern und vier Taschen Handgepäck in unser Abenteuer! Wir freuten uns, waren aber auch nervös und im Ungewissen, was uns in den kommenden vier Wochen erwarten würde. Erleichtert, dass alle Reisedokumente den Prüfungen standhielten, überstanden wir die Flüge zwar beinahe schlaflos, aber sonst ohne Zwischenfälle. Auch unser Gepäck, das noch mit vielen weiteren Spendegütern bestückt war, brachten wir gut durch den Zoll.

Am Flughafen in Mombasa hielten wir Ausschau nach einer Person, die uns abholen kommen sollte – und fanden ein ganzes Empfangskomitee vor. Sogar Harrison, der Schulleiter, war extra gekommen, um uns zu begrüssen. Wir waren zu Tränen gerührt über all die Herzlichkeit und Freude, die uns entgegen strömte.

Angekommen in der Severn Sea Lodge

Da die Schule noch eine Woche Ferien hatte, machten wir als Familie zuerst eine Safari: die 5 Tage im Amboseli Park und im Tsavo East waren wie im Traum! Natur und Tiere so hautnah miterleben zu dürfen, war ein unvergleichliches Erlebnis.

Zu Beginn unserer zweiten Woche fuhren wir dann erstmals nach Mshomoroni, in eine sehr arme Gegend, etwa 45 Autominuten von unserem Hotel entfernt. Die Fahrt war immer ziemlich abenteuerlich, da es abseits der Stadt keine geteerten Strassen gibt und wir im Auto regelrecht durchgeschüttelt wurden. Bei Regen war die Fahrt zur Schule gar nicht möglich, sodass wir einen grösseren Umweg fahren, das Auto abstellen und die letzten paar hundert Meter zu Fuss gehen mussten. Das gab sehr schlammige Füsse, für die sich an der Schule alle bei uns entschuldigten („Sorry for the rain!“). An der Schule lernten wir den Schulleiter Harrison, seine Frau Grace und die Lehrerschaft kennen, und wir wurden durch die verschiedenen alten und neuen Schulgebäude geführt. Kinder waren noch keine da, weil die Regierung spontan beschlossen hatte, den Feiertag vom Sonntag am Montag nachzuholen. Wir besichtigten das ganze Areal und insbesondere das neueste Gebäude, auf welches ein extra stabiles Dach gebaut wurde. Der Plan war, in der Zeit unserer Anwesenheit die Solaranlage, für die wir monatelang Spenden gesammelt hatten, auf dieses Dach zu montieren. Es war aber bereits klar, dass wir nicht am nächsten Tag beginnen konnten, da die Solarpanels nicht zum vereinbarten Zeitpunkt angeliefert worden waren. Irgendwann war dann der Gang zur Toilette unerlässlich und wir nahmen die Blechhütten-Toilettenhäuschen in Augenschein. Hinter der Türe fanden wir ein Loch am Boden vor und daneben Wasser zum Nachschütten. Es war sicherlich gewöhnungsbedürftig, aber unsere Kinder akzeptierten auch diese Gegebenheit vorbildlich. Am späten Nachmittag – nach vielen langen Besprechungen – waren wir bei Harrison zu Hause eingeladen. Wir fühlten uns sehr geehrt und durften auf seiner „Terrasse“ (Vorbereitungen für einen Anbau am Haus für ein Gästezimmer) ein traditionelles afrikanischen Essen geniessen. Die Gastfreundschaft und Herzlichkeit der ganzen Familie haben uns sehr berührt.

Tags darauf wurden wir jeder Klasse vorgestellt. Die Kinder empfingen uns singend und klatschend. Wir verteilten allen 190 Schülerinnen und Schülern eine Schachtel Farbstifte und ein Stück der mitgebrachten Schweizer Schokolade. Dieses wurde mit grossen Augen begutachtet, bis wir ihnen mitteilten, dass diese Süssigkeit zum Essen gedacht ist.
Um uns bis zur Anlieferung der Solarpanels nützlich zu machen, beschlossen wir, die Wände der neu gemauerten Klassenräume zu verputzen. Sascha und Sebastian unterstützten die Arbeiter. Vivienne und ich begaben uns von Klasse zu Klasse und schauten in den Unterricht rein. Wir konnten aber nie allzu lange bleiben, weil die Kinder durch uns sehr abgelenkt waren. In den Pausen kam es zu den ersten Kontakten unter den Kindern und viele wollten die weisse Haut von Sebastian und Vivienne anfassen oder ihre Haare berühren. Wenn wir Fotos schossen, gab es immer ein grosses Gerangel, weil alle neben unseren Kindern posieren wollten.

Natürlich hatten wir auch Geschenke dabei. Einmal in der Pause packten wir ein mitgebrachtes Seil aus, das sofort zum Seilspringen eingesetzt wurde. Davon waren alle ganz begeistert – auch manche Lehrer hüpften mit. Wikingerschach brachten wir Harrison und einer Klasse gleich im Schulzimmer bei. Und der Fröbelturm sorgte unter dem Baum im Schatten für grosse Konzentration, Erstaunen und Jubel. Die Kleineren probierten sich an Memory und Steckfiguren aus, alles Dinge, die sie vorher noch nie gesehen hatten.
Die Eindrücke dieser Woche waren so gewaltig, dass wir am Freitag der ersten Schulwoche einen Ruhetag für die Kinder (und auch für uns) einlegen mussten. Allerdings verbrachten wir auch an unseren „freien“ Tagen viel Zeit damit, Kleider an die Strandverkäufer und Hotelangestellten zu verteilen. Das war immer eine grosse Aufregung, weil manche befürchteten, nichts abzukriegen. Wir konnten sie aber stets beruhigen und vertrösten, indem wir ihnen sagten, dass wir noch für den Rest des Monats vor Ort sein würden und noch viel zum Verteilen bei uns hätten.

Für den Samstag hatten wir ein Fest geplant: alle Schulkinder und deren Eltern waren eingeladen. Männer waren aber kaum zu sehen. In Kenia übernehmen vorwiegend die Frauen die Verantwortung für die Kinder. Wir bekamen die Stühle an vorderster Front zugewiesen. Jede Klasse hat eine Präsentation vorbereitet: die Kinder sangen, tanzten oder trugen Gedichte vor. Auch wir Gäste wurden immer wieder aufgefordert mitzutanzen. Es war uns ein grosses Vergnügen. Die anschliessenden Reden der offiziellen Gäste dauerten sehr lange und wir wurden richtig hungrig. Im Hintergrund wurde zum Glück bereits fleissig gekocht. Weil uns wichtig war, dass an diesem Tag alle zu einer Mahlzeit kamen, hatten wir den Kauf zweier Ziegen sowie von Reis, Gemüse, Früchten und Wasser veranlasst.
Und dann kam der Tag, auf den sich alle in der Schule gefreut hatten: Wir legten die gespendeten Schuhe – es waren etwa 230 Paar – auf dem Boden aus und Klasse für Klasse wurde zu uns hereingebracht. Wir probierten jedem einzelnen Kind Schuhe an, und es gelang uns, für fast alle ein passendes Paar zu finden. Am Nachmittag dasselbe Prozedere mit den Kleidern: wir zogen allen Kindern 2 bis 3 Kleidungsstücke in passender Grösse über. Die strahlenden Gesichter für beispielsweise ein gebrauchtes T-Shirt, die waren unser Lohn für die ganze Arbeit des Sammelns und Sortierens im Vorfeld.

Mit einer Woche Verspätung wurde dann die Solaranlage geliefert. Das neue Dach war extra nach Schweizer Standard gebaut worden, um dem zusätzlichen Gewicht standzuhalten. Zuerst wurde eine Grundkonstruktion hergestellt, die dann auf das Dach geschweisst wurde. Danach wurden alle 6 Solarpanels montiert, wobei Sascha tatkräftig mitanpacken konnte. Am nächsten Tag war alles elektrisch angeschlossen und alle Lehrpersonen, Schulkinder und wir versammelten uns in einem Klassenzimmer. An der Decke waren LED-Lampen angebracht und wir schauten gespannt hin. Der Moment, als der Lichtschalter gedrückt wurde und die Schule zum ersten Mal Licht hatte, war einzigartig und hat bei allen für Hühnerhaut gesorgt.
Der Strom macht nun auch möglich, dass eine Wasserpumpe betrieben werden kann und das Wasser nicht mehr von Hand aus dem Tank geschöpft werden muss. Ausserdem können die gespendeten Laptops geladen werden. In jeder Klasse habe ich ein paar altersgerechte Lernprogramme vorgestellt. Die Neugierde war sehr gross. Und nun sind die Lehrer gefragt, diese neue Möglichkeit der Unterrichtsgestaltung auch zu nutzen.
Als weiteres Projekt steht der Umbau der Küche bevor. Momentan wird noch auf dem Feuer am Boden gekocht. Die hygienischen Bedingungen sind ziemlich mangelhaft, weshalb wir EIGENTLICH nicht an der Schule essen wollten. Aber als uns dann volle Teller gebracht wurden, probierten wir aus Höflichkeit, und weil es so lecker war, haben wir dann meistens an der Schule zu Mittag gegessen.

Schliesslich konnten wir eine ganze Woche lang die Schule nicht mehr besuchen, da Sebastian ziemlich angeschlagen war mit ein wenig Fieber und Husten. Wir versuchten uns alle etwas von der Fülle der Ereignisse zu erholen. Und plötzlich (fast zu schnell) war der Tag des Abschieds da. Wir verteilten noch die letzten der mitgenommenen Geschenke. Die Mädchen beispielsweise durften alle ein Polaroid-Foto mit Vivienne machen und dieses für sich als Andenken behalten. Diese Überraschung ist uns sehr gelungen, die Freude war riesig!

Nach vielen Umarmungen und emotionalen Momenten verliessen wir die Schule. Wir nehmen unglaublich viel mit aus dieser Zeit. Die Menschen, die wir während unseres Projekts kennenlernen durften, sind uns alle ans Herz gewachsen. In Mshomoroni sehen wir nun nicht mehr nur „das Projekt“, sondern wir denken dabei an alle diese liebenswürdigen Menschen, die unseren Aufenthalt gestaltet und einzigartig gemacht haben. Von ihrer Seite aus beten sie alle dafür, dass Gott es so richtet, dass wir nächstes Jahr wiederkommen können…. Wir auf unserer Seite sagen DANKE, dass wir einen Erfahrungsschatz und viel fürs Herz mit nach Hause nehmen durften.

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